Von Leeds nach Mexiko: Prisca Awitis ungewöhnlicher Weg zu Olympia-Silber
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Als Prisca Guadalupe Awiti Alcaraz ihren 30. Geburtstag feierte, war sie nicht einfach nur eine weitere Olympiateilnehmerin, sondern eine der auffälligsten Figuren der Spiele von Paris 2024. Die gebürtige Britin, die seit 2018 für Mexiko startet, überraschte mit einer Silbermedaille im U63kg-Limit und schrieb damit mexikanische Sportgeschichte.
Dabei stand Judo anfangs gar nicht im Mittelpunkt ihres Lebens. In ihrer Kindheit in Großbritannien war sie eine talentierte Kunstturnerin und startete bei nationalen U12-Wettkämpfen. Judo kam eher zufällig dazu, ausgelöst durch einen kleinen Geschwister-Wettstreit mit ihrem älteren Bruder, der beide Sportarten betrieb. Was als Nebenprojekt begann, wurde plötzlich ernst, als Trainer ihr prophezeiten, sie würde zu groß fürs Turnen werden.
Was als Plan B begann, endete auf dem olympischen Podium.
Awiti sammelte früh britische Cadet- und Juniorentitel und galt im Vereinigten Königreich als vielversprechende Hoffnung. Dann folgte der Rückschlag: Eine Kopfverletzung zwang sie zu einer achtmonatigen Pause, eine weitere Verletzung kostete sie nochmals ein halbes Jahr. In dieser Phase dachte sie ernsthaft daran, den Judogi endgültig wegzuhängen.
Der Wendepunkt kam in Bath, wo sie studierte und trainierte. Ihr Coach fragte sie nach einem mexikanischen Pass, und aufgrund ihrer familiären Wurzeln war dieser tatsächlich vorhanden. Nach Kontakt mit dem mexikanischen Nationaltrainer war der Nationenwechsel innerhalb weniger Monate vollzogen, ihr erstes Turnier für Mexiko fand im Oktober 2018 statt. Neue Teamkollegen, ein neues System und vor allem eine neue Sprache machten den Start jedoch nicht leicht.
Sie verbrachte später sieben Monate am Stück in Mexiko, um dort zu leben und zu trainieren. In dieser Zeit verbesserte sie ihr Spanisch und wurde Schritt für Schritt ein fester Teil des Teams. Sportlich ging es voran: Silber bei den Panamerikameisterschaften 2021 in Guadalajara, Gold bei den Pan American Opens in Santo Domingo und Lima 2022 sowie weitere Medaillen in Perth, Linz, Zagreb und erneut Lima. Bei der WM 2023 in der Kategorie bis 63kg landete sie auf Platz fünf und meldete sich damit im absoluten Weltspitzensegment an.
In einer stark besetzten Gewichtsklasse entwickelte sie intensive Rivalitäten, unter anderem mit der Venezolanerin Anriquelis Barrios und der Brasilianerin Ketleyn Quadros. Besonders aus europäischer Sicht bleibt auch ihre Serie gegen die britische Gegnerin Lubjana Piovesana im Kopf, gegen die Awiti bisher meist das Nachsehen hatte. Diese Duelle schärften ihren taktischen Blick und bereiteten sie auf die ganz großen Momente vor.
In Paris 2024 fügte sich alles zusammen: Awiti kämpfte sich durch ein hochkarätiges Feld und holte Silber – ein historischer Moment für Mexikos Judo. Für eine Athletin, die einst ans Aufhören dachte, ist diese Medaille ein starkes Symbol für Durchhaltevermögen und Mut zum Neuanfang. Geboren in Großbritannien, erfolgreich für Mexiko, zu Hause in zwei Sprachen – Awiti zeigt, wie vielfältig sportliche Identität im 21. Jahrhundert sein kann.
Mit 30 ist ihre Geschichte längst nicht zu Ende. Ihr Weg vom britischen Nachwuchstalent zur Schlüsselfigur des mexikanischen Judo beweist, dass Karrieren selten gerade verlaufen. Manchmal braucht es einen Streit mit dem Bruder, zwei schwere Verletzungen und eine mutige Passentscheidung, um auf der größten Bühne der Welt zu landen.
Quelle: JudoInside